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Debütroman: Schneisen

Vor zwei Jahren fuhr ich mit dem Auto von Zürich nach Basel, als ein ungeheures Unwetter aufzog. Bald konnten meine Scheibenwischer nicht mehr mit den Wassermassen mithalten, ich hielt unter einer Autobahnbrücke an und wartete das Gewitter ab. Nach einer Viertelstunde war der Spuk vorbei, ich setzte meinen Weg auf der Landstrasse fort. Ich erreichte ein Dorf und in dessen Mitte: eine Polizeisperre. Polizisten brachten sich in Stellung rund um eine schmucke Bankfiliale. Was mochte wohl geschehen sein, in diesem unschuldigen Dorf mit seiner schönen Bank an einem gewöhnlichen Sonntag? Etwa ein Bankraub? Nicht ganz: das Unwetter. Es hatte den Alarm ausgelöst. Es hatte das Dorf in Aufruhr gebracht…

Als ich meinen Weg fortsetzte ging, mir das Dorf und seine Bank nicht mehr aus dem Kopf. Die Begebenheit faszinierte mich. Zuhause angekommen schrieb ich sie auf. Und dichtete sie weiter. Da hatte ich noch keine Ahnung, dass daraus eines Tages ein Roman werden sollte. Jetzt ist er Tatsache, erschienen im Zytglogge Verlag.

 

 

Fürs Jahr 2019 habe ich somit genug geschrieben, ich habe mal schnell über den Daumen gepeilt: allein für die drei grössten Publikationen in diesem Jahr habe ich rund eine Million mal in die Tasten gegriffen. Also eine Million Buchstaben zu Wörtern und Sätzen geformt, die irgendwo veröffentlicht wurden. Okay, das ist im schreibenden Beruf gar nicht so viel… Aber mir reichts für den Moment. Ich werde in irgendeiner Form immer wieder schreibend tätig sein, doch für 2020 freue ich mich vor allem auf eine neue Herausforderung als Bergführeraspirant.

Illustration: Sabine Hirsig

Das Versagen der ETH

An der ETH soll eine Astronomie-Professorin ihre Doktoranden über Jahre gemobbt haben. Jetzt wird sie entlassen, obwohl die Schuldfrage nie geklärt wurde. Wie eine Institution von Weltruf alles verrät: die Professorin, die Unschuldsvermutung, sich selbst.

Zusammen mit Dennis Bühler und Silvan Aeschlimann habe ich mich durch 3000 Seiten an Akten gewälzt, um die Hintergründe der ersten Entlassung einer Professorin an der ETH zu verstehen. Voraussichtlich im Mai wird der ETH-Rat entscheiden, ob die Astronomie-Professorin Marcella Carollo definitiv entlassen wird. Lesen Sie hier unsere ganze Berichterstattung zur Affäre Carollo:

Hauptrecherche:

Teil 1: Das Versagen

Teil 2: Macht und Ohnmacht

Teil 3: Abgekartetes Spiel

Teil 4: Willkür

 

Nachzüge:

Interview mit Prof. Ursula Keller: «Mit einem männlichen Professor wäre man anders umgesprungen»

Interview mit Prof. Kenneth Westhues: «Als wären Studierende zarte, schwache, hilflose Wesen»

Die Nebelpetarden der ETH

Jetzt ist das Versagen offiziell

Audio-Podcast: Der Fall ETH

Wie an der ETH Posten vergeben werden

 

Und hier die offizielle Entgegnung der ETH:

Stellungnahme zu laufenden Berichterstattungen

Porträtbuch Nina Caprez

Letztes Jahr hatte ich die Spitzenkletterin Nina Caprez für ein Porträtbuch der kurz&bündig-Reihe begleitet, jetzt ist es erhältlich.

Hier ein Ausschnitt, der hoffentlich zu mehr animiert! Das ganze Buch gibt’s hier (+andere Porträts spannender Menschen aus dem deutschsprachigen Raum!)

Tripoli kommt näher, Nina schaut konzentriert auf den turbulenten Verkehr um uns herum und findet immer wieder eine Lücke, in die sie hineinschießt, so dass sich unser Mietwagen auch im Stoßverkehr von Tripoli gut behauptet. Nach einer Weile sagt sie: “Ich glaube, die einzige solide Liebe, die ich je hatte in meinem Leben, die immer da war und die immer da sein wird, ist die Liebe zum Klettern. Das ist mein Grundstein. Und Beziehungen und Dramen und Herzbruch und dann wieder verliebt sein, das ist das Leben. Das kommt und geht, und da werden noch etliche kommen und gehen. Das ist nie stabil. Aber das Klettern ist stabil. Diese Liebe kann mir niemand nehmen.”

In Tripoli schlendern wir durch den Markt in der Altstadt, kaufen Gewürze, Seifen und Früchte und genießen den Blick über die Dächer, als wir auf einer Festung hoch über der schnaubenden Stadt stehen. Als wir unsere Fahrt fortsetzen, bemerke ich, dass Google uns auf die Route schickt, die wir laut Beat besser meiden sollten. Nina zuckt mit den Schultern, dreht die Musik an und braust los. Als wir die Stadt verlassen, zieht ein heftiges Gewitter auf. Ein Schild steht am Straßenrand, das uns bedeutet, dass wir gerade “The Land of Piece and Freedom” betreten. Das Gegenteil macht aber den Anschein. Auf der mit Schlaglöchern übersäten Straße sind sonst nur dröhnende Lastwagen unterwegs und Toyota-Pickups, bei denen es schwer fällt, die Assoziation zu ungemütlichen Rebellen zu unterdrücken. Auch nicht ermutigend sind die Menschen entlang den Straßen, die uns ernste Blicke zuwerfen. Vermutlich fährt hier selten ein Budget-Mietwagen vorbei mit einer Frau am Steuer ohne Kopftuch.

Als dichter Nebel aufkommt, beträgt die Sichtweite vielleicht fünfzig Meter und wir werden still vor leichter Anspannung und etwas unterdrückter Neugierde, was sich demnächst aus dem Nebel erheben mag. Einmal sind es Soldaten, die an einem Brunnen Wasser tanken. “Lass uns hier schnell die Wasserflaschen füllen”, sagt Nina und lacht über ihren Scherz. Die Fahrt fühlt sich ein bisschen an, wie ein Vordringen ins Weltall, der Mietwagen ist unsere schutzbietende Kapsel. Irgendwie wirkt draußen alles feindselig, und der Nebel leistet seinen Beitrag. Als wir eine Passhöhe erreichen, gibt der Nebel die Landschaft plötzlich frei und schüchterne Sonnenstrahlen wärmen. Wir halten auf einer Anhöhe und beobachten aus der Ferne einen Hirten, wie er seine Herde zusammentreibt. Der Boden ist braun, so weit das Auge reicht, wie übergroße Brokkoli stehen die typischen Zedern, die auch die libanesische Flagge zieren, verstreut herum. Die Bäume können bis zu tausend Jahre alt werden. Es ist ein friedlicher Anblick. Und die Vorstellung, dass die uralten Zedern große Teile der turbulenten Geschichte mitgemacht haben, die in den letzten zweitausend Jahren über das Land gefegt ist, fasziniert. Am nächsten Tag fahren wir nach Beirut und fliegen zurück in die Schweiz.

 

Drei Monate später ist es vorbei mit den saftigen Wiesen im Prättigau, oben fällt wenig Schnee, unten spiegeln sich die Lichter der Autos in der nassen Straße, es will bereits dunkel werden. Umso zielstrebiger betritt man das Haus in Prada, der Holzbau strahlt Wärme und Gemütlichkeit aus. Hier könnte man gut und gerne den Rest des Jahres verfaulenzen: Weihnachtsplätzchen backen, heiße Getränke trinken, ein Buch lesen und sonst nichts tun, außer ab und zu in die große Badewanne steigen und den Berggipfeln zuschauen, wie sie sich draußen in Wolken hüllen und frieren.

Sie faste seit vier Tagen, sagt Nina. Saftwoche. Eine Schachtel Biotta-Säfte steht auf dem Boden: Dörrpflaumen wechseln sich mit Tomaten ab. “Nach zwei Monaten USA fühlt sich mein Körper an wie eine Mülltonne.” Seit einer Woche ist sie aus den USA zurück, erholt sich von der anstrengenden Zeit im Yosemite und vom Jetlag, indem sie alles ganz langsam angeht. Es gibt nichts mehr zu erledigen in diesem Jahr, und das nächste braucht nicht geplant zu werden. Ein paar Ideen habe sie schon, wenige Termine im Januar auch. “Ansonsten ist 2019 ein großes weißes Blatt.”

Nina ist einerseits sehr zielstrebig und doch ist sie keine Getriebene. Sie kann sich Zeit nehmen. Auch wenn sie einmal den Satz schrieb: “Immer wenn mich etwas bremst, neige ich dazu, dieses Element aus meinem Leben zu entfernen und vorwärts zu gehen.”

Es gibt Phasen des Tatendrangs und Phasen des Seins in ihrem Leben, die sich abwechseln wie Ebbe und Flut. Als ich sie im September vor ihrer Abreise getroffen hatte, war Tatendrang, Flut: Dinge mussten erledigt werden, viel Zeit blieb nicht, das Flugzeug wartete, ein Projekt stand an und sie sagte: “Ich komme gerne nach Hause, doch nach einer gewissen Weile muss ich wieder losziehen.” Dann baute sie mit Arno am Haus und reiste abends noch nach Lugano, wo sie ihren neuen Freund traf.

Jetzt ist sie zuhause, wärmt ihren Tomatensaft auf, während Annemarie und ich ein Pilzomelett essen aus Eiern, die Nina am Morgen beim Bauern nebenan holte. “Die waren noch warm, Dreck klebte noch dran.”  Sie geht früh schlafen und wacht erst nach dreizehn Stunden wieder auf. Ebbe.

Bilder: Sam Bié

 

Libanon: «A Rolling Rock»

Klettern mit Flüchtlingen im Libanon – braucht es das? Haben die Menschen in ihrer Not dort nicht dringendere Bedürfnisse, als Boulderprobleme mit bunten Griffen? Dieser Frage bin ich während zehn Tagen nachgegangen, als ich die Schweizer NGO ClimbAid begleitet habe. Der Zürcher Beat Baggenstos hat einen Lieferwagen zum rollenden Boulderblock umfunktioniert, mit dem «Rolling Rock» ist er den weiten Weg von der Schweiz in die Bekaa-Ebene nahe der syrischen Grenze gefahren. Zusammen mit freiwilligen Helfern aus aller Welt sucht er damit die zahlreichen Flüchtlingscamps auf und ermöglicht den Menschen dort eine Beschäftigung abseits des gewöhnlichen Alltags, der besonders für Kinder wenig bietet. Klettern ist dort fremd und doch goldrichtig. Eine Kletterwand weckt offenbar überall dieselbe Intuition im Menschen: da will ich hoch! Wenigstens für den Moment zählt nur das und man sieht den Kindern nicht an, was sie in jüngerer Vergangenheit durchgemacht haben. Ein Junge erzählt, wie er mit seinem Bruder am Gewehr das Haus in Aleppo zu verteidigen versucht hatte. Im nächsten Moment hangelt er sich die Kletterwand hoch – ein ganz gewöhnlicher Junge, der sich über die geschafften Klettermeter freut. Der Bruder ist tot.

Hier geht’s zur Reportage im Tagesanzeiger

Und hier zum Bericht im SRF Sportpanorama

Das Projekt durfte mit Nina Caprez auf prominente Unterstützung zählen. Sie begleitete die Sessions tatkräftig, wobei ihre Begeisterung für ihren Sport sofort auf die Kinder und Jugendlichen übersprang. An den Wochenenden checkten wir die Klettergebiete im Libanon aus, allen voran Tannourine, kurvten über abenteuerliche Strassen durch einsame Berge und biwakierten auf Klippen an der Küste. Unsere Reise wird Teil des Porträtbuchs, dass ich für den Verlag Kurz&Bündig über Nina schreibe.

 

Nannen-Preis 2018

Nachdem wir den Deutschen Reporterpreis 2017 in der Kategorie Multimedia mit «In eisigen Tiefen» einheimsen konnten, durften wir nun auch den Nannen-Preis 2018 in der Kategorie Web-Projekt entgegennehmen. Die Preisverleihung wurde in feierlichem Rahmen in der Hamburger Elbphilharmonie abgehalten, natürlich mit Dresscode. Für mich war das eine etwas gar ungewohnt schicke Kleidung… Wer hätte gedacht, dass uns dieses Projekt eines Tages mal nicht in die dicken Daunenjacken treibt, sondern in Smoking und Fliege?

Welche eine Ehre und grossen Erfolg für unser Team!

 

 

Vortrag: «In eisigen Tiefen»

Die Multimedia-Reportage «In eisigen Tiefen» geht in eine weitere Runde – diesen Winter touren wir damit als Vortrag durch die Schweiz an insgesant 5 Anlässen. In Lenk erwarteten wir rund 120 Zuschauer – es kamen über 500. Ziel des Vortrags ist es vor allem, die 360-Grad- Perspektive voll auszuspielen, die in der bisherigen TA-Longform erst im 2D-Screen zur Geltung kam. Dank einer Partnerschaft mit Digitec können wir an den Vorträgen aber jeweils die Besucher mit VR-Brillen in die Eishöhlen schicken – eine erstaunlich reale Erfahrung.

Weitere öffentliche Vortragsdaten: 8.3.2018 bei Transa in Zürich. 15.3.2018 bei Bächli Bergsport und Digitec in der Markthalle, Basel.

Eintritt frei. Plätze beschränkt.

 

Deutscher Reporterpreis 2017

In Berlin durften wir den deutschen Reporterpreis 2017 in der Kategorie Multimedia entgegennehmen, wir das sind: Oli Christe, Urs Wyss, Christian Mülhauser und Kaspar Manz, sowie Marc Brupbacher vom Tagesanzeiger Interaktiv Team. Zusammen haben wir für die einmalige Innenperspektive eines Gletschers gefroren oder im Büro getüftelt für die beste Umsetzung der 360-Grad Inhalte. Herausgekommen ist die Longform “In eisigen Tiefen” – und nun noch das goldene Bleistift.

Dank auch an Fred Bétrisey und Hervé Krummenacher, die uns die Geheimnisse der Plaine Morte erst zugänglich machten. Und Pierre Tschopp für seine grandiose Umsetzung der erklärenden Animationen.

Hier ein Ausschnitt aus der Laudatio:

Stellenweise wirkt das Stück, als habe ein Expeditionsteam von National Geographic über Monate daran gearbeitet. Die Mittel, die das Tagesanzeiger-Team zur Verfügung hatte, waren jedoch weitaus bescheidener. Sie machten diesen Nachteil wett durch Engagement – und Können.