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Porträtbuch Nina Caprez

Letztes Jahr hatte ich die Spitzenkletterin Nina Caprez für ein Porträtbuch der kurz&bündig-Reihe begleitet, jetzt ist es erhältlich.

Hier ein Ausschnitt, der hoffentlich zu mehr animiert! Das ganze Buch gibt’s hier (+andere Porträts spannender Menschen aus dem deutschsprachigen Raum!)

Tripoli kommt näher, Nina schaut konzentriert auf den turbulenten Verkehr um uns herum und findet immer wieder eine Lücke, in die sie hineinschießt, so dass sich unser Mietwagen auch im Stoßverkehr von Tripoli gut behauptet. Nach einer Weile sagt sie: “Ich glaube, die einzige solide Liebe, die ich je hatte in meinem Leben, die immer da war und die immer da sein wird, ist die Liebe zum Klettern. Das ist mein Grundstein. Und Beziehungen und Dramen und Herzbruch und dann wieder verliebt sein, das ist das Leben. Das kommt und geht, und da werden noch etliche kommen und gehen. Das ist nie stabil. Aber das Klettern ist stabil. Diese Liebe kann mir niemand nehmen.”

In Tripoli schlendern wir durch den Markt in der Altstadt, kaufen Gewürze, Seifen und Früchte und genießen den Blick über die Dächer, als wir auf einer Festung hoch über der schnaubenden Stadt stehen. Als wir unsere Fahrt fortsetzen, bemerke ich, dass Google uns auf die Route schickt, die wir laut Beat besser meiden sollten. Nina zuckt mit den Schultern, dreht die Musik an und braust los. Als wir die Stadt verlassen, zieht ein heftiges Gewitter auf. Ein Schild steht am Straßenrand, das uns bedeutet, dass wir gerade “The Land of Piece and Freedom” betreten. Das Gegenteil macht aber den Anschein. Auf der mit Schlaglöchern übersäten Straße sind sonst nur dröhnende Lastwagen unterwegs und Toyota-Pickups, bei denen es schwer fällt, die Assoziation zu ungemütlichen Rebellen zu unterdrücken. Auch nicht ermutigend sind die Menschen entlang den Straßen, die uns ernste Blicke zuwerfen. Vermutlich fährt hier selten ein Budget-Mietwagen vorbei mit einer Frau am Steuer ohne Kopftuch.

Als dichter Nebel aufkommt, beträgt die Sichtweite vielleicht fünfzig Meter und wir werden still vor leichter Anspannung und etwas unterdrückter Neugierde, was sich demnächst aus dem Nebel erheben mag. Einmal sind es Soldaten, die an einem Brunnen Wasser tanken. “Lass uns hier schnell die Wasserflaschen füllen”, sagt Nina und lacht über ihren Scherz. Die Fahrt fühlt sich ein bisschen an, wie ein Vordringen ins Weltall, der Mietwagen ist unsere schutzbietende Kapsel. Irgendwie wirkt draußen alles feindselig, und der Nebel leistet seinen Beitrag. Als wir eine Passhöhe erreichen, gibt der Nebel die Landschaft plötzlich frei und schüchterne Sonnenstrahlen wärmen. Wir halten auf einer Anhöhe und beobachten aus der Ferne einen Hirten, wie er seine Herde zusammentreibt. Der Boden ist braun, so weit das Auge reicht, wie übergroße Brokkoli stehen die typischen Zedern, die auch die libanesische Flagge zieren, verstreut herum. Die Bäume können bis zu tausend Jahre alt werden. Es ist ein friedlicher Anblick. Und die Vorstellung, dass die uralten Zedern große Teile der turbulenten Geschichte mitgemacht haben, die in den letzten zweitausend Jahren über das Land gefegt ist, fasziniert. Am nächsten Tag fahren wir nach Beirut und fliegen zurück in die Schweiz.

 

Drei Monate später ist es vorbei mit den saftigen Wiesen im Prättigau, oben fällt wenig Schnee, unten spiegeln sich die Lichter der Autos in der nassen Straße, es will bereits dunkel werden. Umso zielstrebiger betritt man das Haus in Prada, der Holzbau strahlt Wärme und Gemütlichkeit aus. Hier könnte man gut und gerne den Rest des Jahres verfaulenzen: Weihnachtsplätzchen backen, heiße Getränke trinken, ein Buch lesen und sonst nichts tun, außer ab und zu in die große Badewanne steigen und den Berggipfeln zuschauen, wie sie sich draußen in Wolken hüllen und frieren.

Sie faste seit vier Tagen, sagt Nina. Saftwoche. Eine Schachtel Biotta-Säfte steht auf dem Boden: Dörrpflaumen wechseln sich mit Tomaten ab. “Nach zwei Monaten USA fühlt sich mein Körper an wie eine Mülltonne.” Seit einer Woche ist sie aus den USA zurück, erholt sich von der anstrengenden Zeit im Yosemite und vom Jetlag, indem sie alles ganz langsam angeht. Es gibt nichts mehr zu erledigen in diesem Jahr, und das nächste braucht nicht geplant zu werden. Ein paar Ideen habe sie schon, wenige Termine im Januar auch. “Ansonsten ist 2019 ein großes weißes Blatt.”

Nina ist einerseits sehr zielstrebig und doch ist sie keine Getriebene. Sie kann sich Zeit nehmen. Auch wenn sie einmal den Satz schrieb: “Immer wenn mich etwas bremst, neige ich dazu, dieses Element aus meinem Leben zu entfernen und vorwärts zu gehen.”

Es gibt Phasen des Tatendrangs und Phasen des Seins in ihrem Leben, die sich abwechseln wie Ebbe und Flut. Als ich sie im September vor ihrer Abreise getroffen hatte, war Tatendrang, Flut: Dinge mussten erledigt werden, viel Zeit blieb nicht, das Flugzeug wartete, ein Projekt stand an und sie sagte: “Ich komme gerne nach Hause, doch nach einer gewissen Weile muss ich wieder losziehen.” Dann baute sie mit Arno am Haus und reiste abends noch nach Lugano, wo sie ihren neuen Freund traf.

Jetzt ist sie zuhause, wärmt ihren Tomatensaft auf, während Annemarie und ich ein Pilzomelett essen aus Eiern, die Nina am Morgen beim Bauern nebenan holte. “Die waren noch warm, Dreck klebte noch dran.”  Sie geht früh schlafen und wacht erst nach dreizehn Stunden wieder auf. Ebbe.

Bilder: Sam Bié